​Erdogan zog in der Putschnacht nicht die Fäden, FAZ

Der Umsturzversuch in der Türkei sah aus wie das Werk von Amateuren. Tatsächlich belegen Details inzwischen, dass Offiziere ihn von langer Hand geplant hatten – und nicht der Staatspräsident selbst.

01.08.2016, von RAINER HERMANN

Der Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli wirkte dilettantisch und scheiterte innerhalb kurzer Zeit. Doch selbst wenn er wie das Werk von Amateuren aussah, hatten Offiziere den Coup von langer Hand geplant. Er war nicht, wie manche Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer noch behaupten, von ihm inszeniert, um eine beispiellose Entlassungs- und Verhaftungswelle in Gang zu setzen.
Durch Recherchen unabhängiger türkischer Medien und Äußerungen von Kennern des türkischen Machtapparates sind inzwischen viele Details der Putschnacht bekanntgeworden. Aus dem Bild, das sich daraus ergibt, kann man den Schluss ziehen, dass der Putsch aus vier Gründen gescheitert ist: Er musste vorgezogen werden, so dass nicht alle Teile des Plans rechtzeitig aktiviert werden konnten; der Generalstab und wichtige Generäle in führenden Positionen lehnten eine Beteiligung ab; anders als bei früheren Militärcoups hatten die Putschisten die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich; und mit sicherem Instinkt tat Erdogan mit traditionellen und modernen Mitteln der Politik unmittelbar nach Beginn des Putsches das, was für sein Überleben das Richtige war. Andere türkische Politiker an seiner Stelle hätten die ersten Stunden des Putsches womöglich nicht überlebt.

Gerüchte über eine wachsende Unzufriedenheit in der Armee hatte es seit Monaten gegeben. In der Putschnacht wurde aber klar, dass diejenigen, die putschen wollten, keine kohärente Gruppe waren. Zu den Putschisten gehörten nicht ganze Waffengattungen, sondern jeweils Teile davon, vor allem der Luftwaffe und der Gendarmerie. Die Panzer des Heeres waren in der Nacht kaum auf der Straße; auch die beteiligten Personen waren eine Mischung verschiedener Dienstgrade. Jeder zweite General wurde seit dem 15. Juli entlassen. Beteiligt waren aber vor allem viele mittlere Offiziersränge. An der Spitze standen der frühere Luftwaffenkommandeur Akin Öztürk sowie die Kommandeure der 2. und der 3. Armee, Adem Huduti und Erdal Öztürk.

Der Putsch war offenbar für 4 Uhr morgens am Samstag, den 16. Juli, geplant. Zwei Gründe werden angeführt, weshalb der Beginn überhastet auf Freitagabend vorgezogen wurde. So soll der Geheimdienst MIT am Freitag um 15 Uhr von den Putschplänen erfahren haben. Da wurde der Geheimdienstchef Hakan Fidan von ungewöhnlichen Flugbewegungen auf der Luftwaffenbasis Güvercinlik nahe Ankara unterrichtet. Er informierte eine Stunde später Generalstabschef Hulusi Akar. Nach eigenen Sondierungen gab dieser um 18.30 Uhr an alle Standorte der Armee den Befehl aus, den Luftraum zu schließen und alle militärischen Bewegungen einzustellen. Die Putschisten mussten nun schneller handeln, zumal sie erfahren haben sollen, dass offenbar für die Nacht auf Samstag auch eine umfangreiche Verhaftungswelle geplant war.

Die Luftwaffe war weitgehend auf der Seite der Putschisten. Entscheidend war jedoch, dass wichtige Einheiten des Heeres, die von den Putschisten eingeplant worden waren, fehlten, als es darauf ankam. Sie konnten sich nicht wie erforderlich bewegen, weil die Befehle von Generalstabschef Akar bei Beginn des Coups bereits gegriffen hatten. Die Putschisten wollten offenbar zunächst in der Nacht auf Samstag aus den Standorten Malatya und Kayseri Transportflugzeuge des Typs C-130 in den kurdischen Südosten verlegen, vor allem nach Sirnak.
Dort sollten sie Soldaten und Waffen laden, diese nach Ankara befördern und dort gegen Einrichtungen wie den Präsidentenpalast, den Generalstab, den Geheimdienst und die Satellitenstationen der Telefonanbieter einsetzen. Als die Transportflugzeuge bereits am frühen Freitagabend in Sirnak landeten, ließ der alarmierte Gouverneur die Start- und Landebahnen mit Feuerwehrautos blockieren. Die nötige Unterstützung konnte für die Putschisten daher nicht in Ankara und Istanbul eintreffen. Noch am Samstag wurde der Kommandeur der 2. Armee, die den Krieg gegen die Kurden führt, Adem Huduti, festgenommen.

In Ankara berief Generalstabschef Akar am Freitagabend eine Sondersitzung ein. Bevor die Generäle eintrafen, nahmen die Putschisten mittleren Ranges ihn und drei weitere Generäle gegen 21 Uhr als Geiseln. Erdogan, der zu dieser Zeit seit sechs Tagen in einem Hotel in der Mittelmeerstadt Marmaris mit seiner Familie Urlaub machte, sagte CNN International in den Tagen nach dem Putschversuch, er sei gegen 22 Uhr informiert worden.


Erdogan wurde von loyalen Militärs gewarnt

Für Spekulationen sorgt weiter, weshalb ihn nicht sein Vertrauter, Geheimdienstchef Hakan Fidan, von dem laufenden Putsch in Kenntnis gesetzt hat. Vielmehr habe ihn der Kommandeur des 1. Heeres, das in Istanbul stationiert ist, Ümit Dündar, gewarnt, sagte der F.A.Z.  Yusuf Müftüoglu, der lange Jahre Berater des türkischen Präsidenten Abdullah Gül war. Dündar sorgte auch dafür, dass sich in Istanbul keine Heereseinheit dem Putsch angeschlossen hat.

Offenbar weil die Gegenwehr der regierungstreuen Behörden schon früh begonnen hatte, scheiterte auch die Operation eines Kommandos, das Erdogan töten oder festnehmen sollte. Für dieses Kommando war eine Sondereinheit aus der Provinz Isparta vorgesehen. Da die lokalen Behörden den Luftraum aber rechtzeitig und wirkungsvoll schlossen, wollten die Elitesoldaten mit vierzig Bussen in das nur wenige Stunden entfernte Marmaris fahren.

Als die lokale Polizei dann die Fahrer der Busse verhaftete, beauftragten die Putschisten eine Eliteeinheit von einer Luftwaffenbasis nahe Izmir, mit Hubschraubern nach Marmaris zu fliegen. Als sie dort eintrafen und sich ein Feuergefecht mit der Präsidentengarde lieferten, hatte Erdogan das Hotel bereits eine halbe Stunde verlassen. Erdogan sagte CNN International, wäre er 15 Minuten länger in dem Hotel geblieben, hätten ihn die Putschisten ergriffen.

Als er in einem anderen Hotel untergetaucht war, gab er per Handy über den Nachrichtensender CNN Türk eine Erklärung ab und forderte seine Anhänger auf, sich als „Volk“ und „im Namen der Demokratie“ den Putschisten entgegenzustellen. Die Bewegungsfreiheit der Putschisten wurde zunehmend eingeschränkt. Die Istanbuler Stadtverwaltung mobilisierte Lastwagen, die die Ausfahrten der wichtigsten Kasernen versperrten, und sie setzte zusätzliche Fähren ein, um so den Verkehr, der durch die blockierten Bosporus-Brücken stillstand, wieder in Bewegung zu setzen.

Obwohl General Dündar Präsident Erdogan darauf aufmerksam gemacht hatte, dass offenbar zwei Kampfflugzeuge mit dem Befehl in der Luft waren, sein Flugzeug abzuschießen, entschied sich Erdogan, sofort nach Istanbul zu fliegen. Dündar hatte ihm versichert, dass seine 1. Armee den Flughafen kontrollieren werde, bevor Erdogan dort landete. Mit der Ankunft Erdogans und dem triumphalen Empfang durch seine Anhänger war der Putsch gescheitert.

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