Calcio Storico: Echter Männersport

Nicht so weich wie Fußball und doch zu sehr Mannschaftssport für Martial Arts – und irgendwie ist es beides. Am besten zu beschreiben ist “Calcio Storico” wohl mit dem Begriff: Brutalo-Rugby.

Kaum eine Partie kommt ohne Spieler aus, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Sechs Verletzte pro Team sind keine Seltenheit, wenn die Gladiatoren aus Florenz zum Tanz bitten.

Historischer Fußball in Circus Maximus-Manier

Doch bei 27 Spielern pro Mannschaft ist das erst einmal halb so wild, denn es wird auch dann noch genug für die tausenden Schaulustigen geboten.

“Calcio Storico”, das bedeutet so viel wie historischer Fußball. Abgesehen von der Form des Balles hat der Sport allerdings wenig mit seinem Namensgeber zu tun. Brutal ist er, kommt fast ohne Regeln aus und für Faustkämpfe gibt es Gejubel statt rote Karten.

Fußball, Rugby und Kampfsport, aber wenig Fußball

Auch was die Rahmenbedingungen angeht, gibt es große Unterschiede: Millionengehälter und Profiverträge sucht man vergebens. Die Motivation ziehen die Sportler aus der Leidenschaft zum Spiel und aus ihrem Herzen – egal ob Anwalt oder Arbeitsloser, ob 20 Jahre alter Jungspund oder 40-Jähriger Kämpfer.

Tatsächlich gäbe es in Italien wohl nur einen Fußballer, der eine Chance in der Arena hätte: Gennaro Gattuso, der das Spiel auf dem Rasen ja ohnehin als eine Art Schlacht versteht – und genau das ist Calcio Storico. Der vielleicht blutigste Mannschaftssport der Welt.

50 Minuten sind pro Partie angesetzt. Auswechslungen gibt es nicht. Wer auf dem Platz steht, bleibt dort – nur für schwere Verletzungen wird das Spiel kurz unterbrochen.

Dabei könnten einige Spieler von außen betrachtet sicher Pausen gebrauchen. Etwa die harten, Fleisch bepackten Schläger, die eigentlich nur das gegnerische Team malträtieren sollen. Oder die etwas dünneren, schnellen Spieler, die ähnlich wie beim Rugby die Punkte erzielen sollen: Passen, tackeln, laufen, Tor!

Der Härtefall im harten Sport

Doch einen Spielabbruch gab es zuletzt 2006, als zwischen den Weißen (Bianchi) und Blauen (Azzuri) nach wenigen Minuten eine Massenschlägerei ausbrach – noch nach dem Abpfiff standen die Spieler über eine Stunde lang auf dem Platz und prügelten sich.

In der Folge wurden die Regeln verändert. Heute darf nur mitspielen, wer innerhalb der letzten fünf Jahre keine Vorstrafe kassiert hat und ein ärztliches Attest über seine Gesundheit vorlegen kann.

Außerdem muss man weiterhin mindestens 18 sein – mit Genehmigung der Eltern dürfte man zwar auch früher teilnehmen, doch die stellt niemand aus.

Strategie, Kraft und Durchsetzungsvermögen sind gefragt

Niccolù Falleri, ein Spieler der blauen Mannschaft, beschrieb seine Sportart im Playboy so: „Du musst die Grundlagen des Boxens beherrschen, um dich wehren zu können, die Grundlagen des Fußballs, um strategisch verteidigen zu können, und die Grundlagen des Rugby, um angreifen zu können. Das ist Regel eins. Regel zwei lautet: Lauf so schnell, du kannst.“

Ansonsten gibt es nur zwei weitere zu beachtende Regeln: Gekämpft wird nur im eins-gegen-eins und attackiert werden darf nur von vorne. Ein brutaler Sport mit Gentleman’s Agreement also.

Und dann stehen sie dort, mit geschorenen Schädeln oder langen, wikingerartigen Frisuren. Mit Rauschebärten, Muskelpaketen und Tattoos – und stürmen aufeinander los.

La Familia gibt es auch im Calcio Storico

Drei Partien gibt es jedes Jahr zu bestaunen. Vier Mannschaften aus den vier alten Vierteln von Florenz.

Wer sich eine Farbe aussucht, tut das fürs Leben. Es gibt keinen Spielerhandel oder Transfermarkt. Die Mannschaften verstehen sich wie eine große Familie – und die betrügt man eben nicht. Es geht um Ehre, Stolz, Loyalität. Nicht um große Gewinne und das Ego des Einzelnen.

Männer, wie Gott sie schuf

Und das spürt man auf dem Platz: Statt T-Shirts hängen bereits nach wenigen Minuten nur noch Fetzen von den Körpern. Das Blut zahlreicher Platzwunden wird vom Sand der Arena getrocknet und verkrustet den Körper. Und wofür das Ganze?

Für eine weiße Kuh. Das nämlich ist der Preis für den Sieger – und frischer könnte das Siegersteak nicht sein.

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