Das Elend der Lehrer

Das Elend der Lehrer

  1. Oktober 2013

von Ferdinand Knauß

Der Erfolg eines Schulsystems hängt von denen ab, die es tragen. Die hyperaktive Bildungspolitik überlastet Lehrer mit unsinnigen Aufgaben und nimmt ihnen die Zeit für die wichtigen.

Michael Lorenz ist Lehrer für Mathematik und Physik an einer nordhessischen Gesamtschule. Und er ist wütend, daraus macht er keinen Hehl. Wütend über die Bildungspolitik und was sie im Schulsystem anrichtet. „Viele Kollegen haben resigniert und sich mit den Verhältnissen abgefunden, aber dafür bin ich vielleicht noch nicht lange genug dabei“. Der 55-Jährige trat erst vor elf Jahren in den Schuldienst und war zuvor selbstständiger Kaufmann.

So wütend ist Lorenz, dass er tut, was sich die meisten Kollegen nicht trauen. Er sucht den Weg in die Öffentlichkeit, macht in Weblogs unter eigenem Namen auf das aufmerksam, was an deutschen Schulen falsch läuft: Während Bildungspolitiker den schönen Schein immer besserer Notenschnitte und steigender Abiturientenzahlen als Erfolg verkauften, sinke der tatsächliche Bildungsstand der Schüler.

Ein riesiger Selbstbetrug

„Ich hatte in der Abschlussarbeit für Realschüler in Physik eine Schülerin, die mich fragte, wie viel Zentimeter ein Meter habe“, erzählt Lorenz. „Nach einem Jahr Bruchrechnung in Klassenstufe Sieben konnte mir in einem Förderkurs nur ein einziger Schüler sagen, was rauskommt, wenn man vier durch fünf teilt.“

Ein Düsseldorfer Oberstudienrat, der anonym bleiben will, hat in seinen Fächern Geschichte, Englisch und Französisch ähnliche Erfahrungen gemacht: „Ein riesengroßer Selbstbetrug läuft an unseren Schulen. Weil die Noten immer besser werden, redet man sich ein, dass auch die Schüler immer besser werden.“

Lehrer sind nur Kostenfaktor

Doch in all den aufgeregten Bildungsdebatten, dem so genannten PISA-Schock, sind solche Stimmen aus der Praxis kaum vernehmbar. Der Diskurs wird geprägt von einem Amateur-Philosophen namens Richard David Precht, einem zweifelhaften Hirnforscher namens Gerald Hüther und vor allem den empirischen Bildungsforschern und Bildungsökonomen, die in regelmäßigen Abständen mit neuen Ranglisten der so genannten „Kompetenzen“ aufwarten. Die rund 800.000 Lehrer spielen dabei  allenfalls eine Statistenrolle: Als Kostenfaktor in den Budgets und Rädchen im Getriebe der in immer kürzeren Abständen reformierten Schulsysteme. Lehrer werden als neutral für den Erfolg des pädagogischen Systems angesehen. So als ob weder ihre Ausbildung, noch ihre Motivation und erst recht nicht ihre Arbeitsbelastung für den Bildungserfolg der Schüler eine Rolle spielte.

Ohne dass es in der Öffentlichkeit zu irgendwelchen Diskussionen gekommen wäre, hat die Arbeitsbelastung für Lehrer in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Seit 2002 haben die meisten Bundesländer das Unterrichtsdeputat der Lehrer um eine Schulstunde angehoben. In Baden-Württemberg zum Beispiel unterrichten Studienräte in Vollzeit nun 25 statt 24 Stunden pro Woche.

Nur wer sie bis dahin für völlig unterbelastet ansah, kann glauben, dass das nicht auf Kosten der Arbeitskraft der Lehrer also letztlich der Qualität der Unterrichtsvorbereitung geht. In den Kultusministerien weiß man das natürlich durchaus. Aber was schert den Politiker die Realität, wenn die Wähler eine ganz andere Sicht der Dinge haben. Nicht nur in „bildungsfernen“ Milieus, sondern leider auch bei manchem Kaufmann, Anwalt oder Zahnarzt ist noch immer das alte Pauker-Ressentiment lebendig, wonach die faulen Lehrer „vormittags recht und nachmittags frei“ hätten. Solch einer schlecht beleumundeten Berufsgruppe – dazu noch größtenteils verbeamtet, kann ein Ministerium problemlos mehr Arbeit aufladen.

Immer noch ist vielen Menschen nicht klar, dass Lehrer nach Unterrichtsschluss nicht ein Nachmittag voller Müßiggang erwartet, sondern noch einige Stunden Arbeit. Vor eine Klasse von 30 pubertierenden Schülern zu treten, erfordert nicht nur äußerste Konzentration und pädagogische Fähigkeiten, sondern nicht zuletzt auch eine fachliche Vorbereitung jeder einzelnen Unterrichtsstunde. Und nach jedem schriftlichen Test harrt ein Stapel Klausuren der Korrektur. Ein Lehrer einer weiterführenden Schule mit zwei Fremdsprachen als Unterrichtsfach korrigiert bei angenommenen sechs Sprachklassen, also rund 180 Schülern, mit jeweils rund 12 zu korrigierenden Übungs- und Prüfungsarbeiten also mehr als 2000 Arbeiten jährlich. Dazu kommen Besprechungen mit Kollegen, Eltern, Schülern, außerdem Zeugniskonferenzen und Schülerexkursionen, die oft auch die Wochenenden und Ferien einbeziehen.

Vor der Klasse wie ein Lehrer, Bezahlung wie ein Lehrling

Manch einer, der über faule Lehrer schimpft, arbeitet selbst sicher weniger: Im Durchschnitt rund 56 Stunden pro Woche sind es für Lehrer zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wie eine Studie der Projektgruppe „Qualität, Arbeit und Gesundheit in Schulen“ 2007 festgestellt hat. Nach Ansicht der Frankfurter Bildungsforscherin Mareike Kunter arbeiten Vollzeitlehrer je nach Fächerkombination, Schulform und Erfahrung zwischen 30 und 70 Stunden wöchentlich.

Die krasseste Mehrbelastung erfahren aber junge Nachwuchslehrer: Die meisten Bundesländer haben nämlich die Ausbildungszeiten der Referendare verkürzt und setzen sie schon früh wie vollwertige Lehrer ein. Seit 2011 dauert ein Referendariat in Nordrhein-Westfalen  nur noch eineinhalb statt zwei Jahre. Wenn die neuen Referendare jetzt im November ihren Dienst an nordrhein-westfälischen Schulen beginnen, müssen sie schon nach 30 Schultagen zum ersten Mal alleine vor einer Klasse stehen. Von da an werden sie fast wie vollwertige Lehrer „bedarfsdeckend“ eingesetzt – aber wie Lehrlinge bezahlt. Im Klartext: Die Schulpolitik spart an der Ausbildung der zukünftigen Lehrer, natürlich auch auf Kosten des Lernerfolgs der Schüler, die von weitgehend unerfahrenen Referendaren unterrichtet werden. Doch auch diese Maßnahme führte zu keinem öffentlichen Aufschrei, noch nicht einmal zu vernehmbarer Kritik der Opposition.

Aber es sind nicht nur politisch gewollte Zusatzbelastungen, die die Unterrichtskraft der Lehrer schwächen. Dazu kommt eine wachsende Anspruchshaltung von Schülern und Eltern an die Erreichbarkeit. Ein besonders nervenaufreibendes und zeitraubendes Phänomen, das Lehrer von ihren eigentlichen pädagogischen Aufgaben abhält, sind die in den letzten Jahren anscheinend zahlreicher werdenden „Helikoptereltern„. Übereifrige Eltern, die beschützend und kontrollierend über ihren Kindern kreisen und die Lehrer als Servicekräfte eines Dienstleistungsunternehmens betrachten, in dem ihr Kind gefälligst nach allerneuesten Methoden und mit Erfolgsgarantie auf den Weg zu einer Glanzkarriere gebracht werden soll. Lehrer Lorenz berichtet zum Beispiel vom Vater einer Schülerin, die weder besonders gute noch besonders schlechte Noten hatte und nicht den geringsten Anlass für ein Elterngespräch bot. „Der Mann, ein Psychologe, brachte eine Menge Unterlagen mit und wollte mir erklären, wie mein Beruf funktioniere. Für seine Tochter sei Frontalunterricht ganz schlecht.“

Zeitaufwändiges „Allheilmittel“

Viele bildungspolitische Neuerungen der letzten Zeit schaffen solchen Helikopter-Eltern – vermutlich nicht ungewollt, denn es sind schließlich Wähler mit besonderem Augenmerk auf Bildungspolitik – zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten und torpedieren die Autorität der Lehrer.

Zum Beispiel das in keiner bildungspolitischen Sonntagsrede fehlende Allheilmittel „individuelle Förderung“. Es klingt für Eltern – also Wähler – überzeugend, wenn ihr Kind bei Problemen in den Genuss besonderer Maßnahmen kommt. Doch die individuelle Schulrealität ist ernüchternd.

Link zum Artikel:

http://www.wiwo.de/politik/deutschland/schulpolitik-das-elend-der-lehrer-seite-all/8984614-all.html

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