Der ungewöhnliche Tod des kleinen Malik

21.01.2014 | 15:28 Uhr
Der ungewöhnliche Tod des kleinen Malik
Die Familie Yesil trauert um ihren dreijährigen Sohn Malik (rechts). Sein Zwillingsbruder Yasin (links) fand ihn in seinem Bettchen.Foto: Oliver Mengedoht
Herne.  Die Eltern aus Herne brachten ihren heftig hustenden Sohn nachts in eine Klinik. Ein Pseudokrupp wurde diagnostiziert, eine unspezifische Entzündung der oberen Atemwege. Einen Tag später starb der Dreijährige zu Hause an einer Lungenentzündung.

Warum musste Malik sterben? Das ist die Frage, die Ömer und Nancy Yesil verzweifeln lässt. Ihr dreijähriger Sohn starb an einer Lungenentzündung – 24 Stunden, nachdem er in einer Spezialklinik untersucht und nach Hause geschickt worden war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Kerngesund, klug, Typ Michel aus Lönneberga: „Malik war ein großartiger Junge“, flüstert Nancy Yesil (39). Das „war“ kommt der Hausfrau kaum über die Lippen. 2010 waren Malik und sein Zwillingsbruder Yasin zur Welt gekommen. Malik ein Blondschopf wie seine Mutter. Yasin mit dunklen Haaren wie sein Vater Ömer (39), der als Lüftungsbauer arbeitet.

Eine heile Familie. Bis zum Freitag, 3. Januar. Nach einer Geburtstagsfeier bringen die Eltern die Zwillinge um 21 Uhr daheim in Herne ins Bett. Wenig später weint Malik jämmerlich. „Er hatte plötzlich bellenden Husten, Fieber und schnappte nach Luft“, sagt Nancy Yesil.

Die Untersuchung
Sofort fahren die Eltern mit Malik in die außerhalb gelegene Spezialklinik. Gegen Mitternacht treffen sie in der Notfallambulanz ein. „Zum Glück war es leer. Schon nach kurzer Zeit kam eine Ärztin zu uns“, erzählt der Vater.

Die Eltern beteuern, die Untersuchung habe „zwei, drei Minuten“ gedauert. Die Klinik spricht von „etwa zehn Minuten“. Die Eltern schildern, dass die Ärztin Malik einmal abgehört und in Rachen und Ohren geschaut habe. Die Klinik betont, dass auch Haut, Lunge und Herz intensiv untersucht worden seien. Diagnostik und Behandlung seien „gemäß allen Richtlinien und allen Standards verlaufen“, so die Sprecherin.

Unstrittig ist die Diagnose: Laryngotracheitis 1, ein Pseudokrupp des geringsten Schweregrades. „Uns wurde geraten, beim nächsten Anfall mit Malik an die frische Luft zu gehen. Nur auf unsere Bitte wurde uns ein Cortisonzäpfchen mitgegeben. Ein Rezept haben wir nicht erhalten“, so Ömer Yesil.

Nachts kehren Husten und Fieber zurück. Mama verabreicht das Zäpfchen. Auf dessen Wirkung führen es die Eltern zurück, dass es Malik am Samstag relativ gut geht. Um 21.30 Uhr krabbelt er unter die Bettdecke. Er trinkt ein Fläschchen warmen Kakao. „Ich habe ihn noch zweimal husten gehört. Dann war Ruhe“, berichtet Nancy Yesil.

Der schreckliche Fund
Morgens um 9.30 Uhr herrscht immer noch Ruhe. „Merkwürdig“, wundert sich der Vater und geht ins Kinderzimmer. Yasin kauert vor dem Bettchen seines Bruders, streichelt ihn, wispert: „Wach doch auf!“ Doch Malik wacht nicht mehr auf. Der Vater schreit vor Schmerz, die Mutter bricht zusammen: Malik ist tot. Erstickt. Sein Leichnam, den Ömer Yesil nicht aus seinen Armen lassen will, ist steif und blau.

Die Staatsanwaltschaft lässt ihn sofort obduzieren. Polizeisprecher Volker Schütte bestätigt die Todesursache: Lungenentzündung.

„Wie kann es sein, dass eine derart schwere Erkrankung bei meinem Sohn nicht erkannt wurde?“, fragt Ömer Yesil, der Anzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt hat.

Das sagen Mediziner
Die Klinik zeigt sich in einer Stellungnahme „erschreckt und tief betroffen“. Es habe angesichts der Symptome jedoch „keinen Anlass gegeben, eine andere Diagnose als Pseudokrupp zu stellen oder das Kind stationär aufzunehmen“.

Weil man befürchtet hat, dass auch der Zwillingsbruder erkrankt sein könnte, haben ihn die Eltern in eine andere, in die Kinderklinik Bochum gebracht – zum Glück ohne Befund. Direktor Eckard Hamelmann kennt Einzelheiten des Todesfalls, nimmt ausdrücklich aber keine Bewertung vor. „Das würde ich nur als Gutachter tun.“

In der Bochumer Klinik hat man Erfahrung mit hustenden, fiebernden Kindern. „Anfangs gehen wir von Pseudokrupp aus“, so Prof. Hamelmann. Bei Bedarf erfolgt eine Inhalation. „Mindestens 30 Minuten“ dauere es, bis zu erkennen sei, ob sich der Patient stabilisiert. Bleibt eine Besserung aus, besteht die Gefahr einer Lungenentzündung. Dann folgen Behandlungen und die stationäre Aufnahme.

„Bei kleinen Kindern ist das Spektrum für Fehldiagnosen groß“
Auch andere Lungenfachärzte erklären, es sei für eine Bewertung des Falls zu früh: Gerade bei Kindern sei die Diagnose oft schwer zu stellen. Man würde auch nicht sofort röntgen, um die Belastung durch Strahlen gering zu halten. Es gebe Fälle, in denen sich der Krankheitsverlauf unvorhersehbar verschlechtert habe. „Bei kleinen Kindern ist das Spektrum für Fehldiagnosen groß.“ Nur ein Gutachten könne Licht ins Dunkel bringen.

„Unseren Sohn gibt uns niemand wieder. Wir wollen auch kein Geld“, sagen die Yesils. „Wir kämpfen für andere Eltern, denen unser Schicksal erspart bleiben soll.“

Jürgen Stahl

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