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Migrationsbericht 2012 widerlegt rechte Stammtischparolen

In der Vorwoche legte die Bundesregierung den inzwischen 11. Migrationsbericht vor. Für das Berichtsjahr 2012 kommt die amtliche Statistik auf eine Zuwanderung von 1,08 Millionen Menschen – so viele wie zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Wasser auf die Mühlen populistischer und rechter Stimmungsmacher? Mitnichten! Denn Migration 2012 ist deutlich komplexer, als das simple Stammtischgerede von der „Armutsmigration“ weis macht.

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Migrationsbericht 2012 (Grafik: ENDSTATION RECHTS.)

In der öffentlichen Wahrnehmung bestimmten in der jüngsten Vergangenheit Rumänen und Bulgaren das Bild der Zuwanderer. Dabei ist bereits seit 1996 der unangefochtene Spitzenreiter bei der Zuwanderung Polen. 2012 kamen laut dem 11. Migrationsbericht (pdf-Datei) 184.325 Personen aus unserem östlichen Nachbarland nach Deutschland. Dem gegenüber steht die Statistik der Fortzüge, bei der Polen mit 114.425 Personen Platz zwei direkt nach den Deutschen inne hat. Macht im Saldo ein Wanderungsplus von Polen nach Deutschland von 69.900 Menschen bzw. knapp 0,2 Prozent der polnischen Bevölkerung.

Dass die Wanderung von Polen nach Deutschland nicht neu ist, wissen Fans der Deutschen Fussball-Nationalmannschaft bereits seit längerem. Lukas Podolski und Miroslav Klose haben als Leistungsträger im deutschen Trikot bewiesen, dass Migration unser Land vor allem bereichert.

Rumänen und Bulgaren lagen 2012 auf Platz 2 und 3 der Zuzüge, wobei Bulgarien durch die hohen Fortzüge im Wanderungssaldo nur auf dem vierten Platz liegt. Trotzdem muss man sich vor Augen führen, dass gemessen an der bulgarischen Gesamtbevölkerung das Land 2012 0,34 Prozent seiner Bevölkerung verloren hat. Zum Vergleich: Die italienische Wanderungsbewegung nach Deutschland macht an der Gesamtbevölkerung lediglich 0,04 Prozent aus.

Um die aktuellen Zahlen des Migrationsberichtes 2012 besser einzuordnen, lohnt sich auch ein Blick in die Vergangenheit. Zwischen 1974 und 2012 zogen durchschnittlich 792.894 Menschen pro Jahr nach Deutschland – insgesamt knapp 31 Millionen in 39 Jahren. Durchschnittlich verblieben nach Abzug der Fortzüge im Saldo 184.869 Menschen pro Jahr in Deutschland bzw. insgesamt 7,2 Millionen Menschen. Die deutsche Gesamtbevölkerung schrumpfte seit 2003 trotzdem um zwei Millionen Menschen.

Zudem birgt der Wanderungssaldo ein Problem: Er liegt aller Wahrscheinlichkeit nach zu hoch, weil die Zahl der Fortzüge in der Statistik niedriger als der tatsächliche Wert liegt. Gerade bei den Fortzügen sind deutsche Behörden für eine ordnungsgemäße Statistik darauf angewiesen, dass die Fortziehenden sich auf einem deutschen Amt auch ordnungsgemäß abmelden.

Dass dies nicht immer wie gewünscht erfolgt, konnte man an den Ergebnissen des Mikrozensus 2011 sehen. Auf einen Schlag „verlor“ Deutschland 871.300 Ausländer, sank der Anteil über Nacht von 8,8 auf 7,88 Prozent der Gesamtbevölkerung. Insofern nicht verwunderlich, dass die NPD diesen Fakt nicht kommentierte: Wer wird mit seiner Ideologie schon gerne zur Nachkommastelle degradiert?

Apropos NPD. Diese tönt im Zusammenhang mit Migration gerne von der Gefährdung der „Deutschen“ durch die angeblich hohe Fertilität der Menschen mit Migrationshintergrund. Auch hier lohnt der Blick in die Statistik: Der Anteil deutscher Mütter lag 2012 bei 83,0 Prozent und damit knapp unter dem Durchschnittswert von 83,4 Prozent, den der Anteil deutscher Mütter an allen Lebendgeburten seit 1990 aufweist.

An den Stammtischen wird Migration gerne mit „Armutsmigration“ gleichgesetzt. Wer über den Tellerrand des Migrationsberichtes 2012 hinausschaut, wird feststellen, dass im März 2013 102.514 Rumänen und Bulgaren in Deutschland einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgegangen sind: ein Plus von 28,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In geringfügiger Beschäftigung befanden sich im März 2013 aus diesen beiden Ländern 21.869 Menschen, von denen ein Teil, genauso wie jeder deutsche Mitbürger, den zum Leben nicht ausreichenden Lohn mit Sozialleistungen aufstockt. Mit Armutsmigration im Sinne von „in die soziale Hängematte legen“ hat dies nichts zu tun. Mit Migration in ärmliche Verhältnisse schon eher.

http://www.endstation-rechts.de/news/kategorie/politik/artikel/migrationsbericht-2012-widerlegt-rechte-stammtischparolen.html

„Die ,nicht-integrierten‘ Türken bleiben hier“

Die Türkei hat sich vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland entwickelt – insbesondere für hochqualifizierte Türken aus Deutschland. Im Gespräch mit Julia Korbik erklärt der Migrationsforscher Yaşar Aydin, warum der Begriff brain drain dafür unangemessen ist und junge Deutsch-Türken mitnichten zwischen den Stühlen sitzen.

The European: Herr Aydin, zahlreiche türkischstämmige Hochqualifizierte ziehen zurück in die Türkei. Warum sind Sie noch hier?
Aydin: Weil ich hier groß geworden und zur Schule gegangen bin, hier arbeite – und unter anderem auch, weil ich zwei Kinder habe, eines davon im Schulalter. Generell lehne ich eine Abwanderung in die Türkei nicht ab, habe aber auch nicht unbedingt das Bedürfnis, dorthin zurückzukehren. Wenn, dann nur für ein paar Jahre.

The European: Wenn Hochqualifizierte das Land verlassen, um anderswo zu arbeiten, ist oft von „brain drain“ die Rede. Trifft diese Metapher auch auf die Abwanderung türkischstämmiger Hochqualifizierter zu?
Aydin: Nein, überhaupt nicht. Natürlich: Wenn hochqualifizierte Menschen aus Deutschland abwandern, ist das auch ein Verlust für Deutschland. Von einem „brain drain“ kann aber so pauschal nicht gesprochen werden, da spielen noch andere Aspekte eine Rolle. Man müsste zum Beispiel beweisen, dass die Abwanderung türkischstämmiger Hochqualifizierter die deutsche Wirtschaft beeinträchtigt. Das ist nicht der Fall, der Begriff „brain drain“ wird hier unpräzise gebraucht.

The European: Sie benutzen den Begriff also nicht?
Aydin: Genau. Er entspricht nicht der Realität. Das ist auch mit ein Grund gewesen, warum ich die Studie über die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter gemacht habe: Bei diesem Thema ist es völlig überzogen, von einem „brain drain“ zu sprechen.

The European: In Ihrer Studie haben Sie stattdessen den Begriff des „Transnationalismus“ eingeführt.
Aydin: Transnationalismus oder transnationale Orientierung – so das Ergebnis meiner Studie – bedeutet, dass türkeistämmige Menschen, die in Deutschland leben, hier groß geworden sind und am gesellschaftlichen Leben partizipieren, gleichzeitig aber ihre Beziehungen zum Herkunftsland aufrecht erhalten und pflegen. Sie kommunizieren regelmäßig mit Verwandten und Freunden, konsumieren türkische Medien und verfolgen so die Ereignisse in der Türkei. Dieser Transnationalismus ist ein Grund, warum Menschen sich für eine Abwanderung in die Türkei, für ein Leben dort, entschieden haben.

The European: Sonst wären sie nicht auf die Idee gekommen, auszuwandern?
Aydin: Ja, ohne diese Beziehungen hätten sie sich nicht in der Türkei nach einem Job umgesehen und sich dort beworben. Die transnationale Orientierung war entscheidend! Sie ist ein wichtiger Faktor, wenn Hochqualifizierte aus Deutschland abwandern.

„Die Türkei ist kein Exportland von Arbeitsmigranten mehr“

The European: Wichtig sind allerdings auch die sogenannten „Pull“- und „Push“-Faktoren: Deutschland gilt als attraktiv für türkische Migranten, weil es wirtschaftliche und soziale Vorteile bietet. Die Türkei hingegen …
Aydin: … ist tatsächlich kein Auswanderungsland mehr wie noch vor 20 Jahren. Wissenschaftlichen Prognosen und der Meinung vieler Experten zufolge wird sie sich mittelfristig zu einem Netto-Einwanderungsland entwickeln. Klar, es wandern immer noch Menschen von dort aus – aber die Türkei ist kein Exportland von Arbeitsmigranten mehr, wie sie es in den 1960er- und 1970er-, teilweise auch noch in den 1980er- und 1990er-Jahren war.

The European: Was macht die Türkei heute so anziehend?
Aydin: Da gibt es eine Reihe von Faktoren. Seit der letzten türkischen Wirtschaftskrise 2001 wächst die Wirtschaft kontinuierlich. Die Direktinvestitionen steigen, was bedeutet, dass ausländische Firmen in das Land investieren, neue Firmen und neue Zweigniederlassungen gründen. Dadurch entsteht ein Bedarf nach Hochqualifizierten, den man nicht aus dem inneren Arbeitsmarkt decken kann. Das ist aber nur einer der Gründe, warum jetzt viele Menschen aus Deutschland in die Türkei auswandern, darunter auch viele ohne türkische Herkunft.

The European: Worin liegen für solche Menschen ohne Migrationshintergrund die besonderen Vorteile der Türkei?
Aydin: In der Migrationsforschung gibt es eine Erkenntnis: Hochqualifizierte Menschen bevorzugen eher Länder, wo Ungleichheit herrscht. Eine Ungleichheit der Löhne beispielsweise – wie in den USA und mittlerweile auch in der Türkei – ist attraktiv. Menschen mit niedrigerer Qualifikation hingegen bevorzugen Länder wie Deutschland, in denen größere soziale Gleichheit herrscht und die Löhne nicht so weit auseinandergehen.

The European: Das kann doch aber nicht der einzige Grund sein.
Aydin: Ein Großteil der nicht-türkeistämmigen Zuwanderer geht zum Beispiel nach Istanbul – eine Stadt, die anzieht, die cool und multikulturell ist, die viele Möglichkeiten und verschiedene Lebensstile bietet, ein Miteinander von Ost und West. Diese weichen Standortfaktoren sind wichtig.

The European: Tatsächlich verlangsamt sich die Zuwanderung nach Deutschland, die Abwanderung in die Türkei steigt. Die einzige Form der Migration aus der Türkei nach Deutschland, die in den vergangenen Jahren zugenommen hat, ist die zum Zweck der Ausbildung. Warum ist das deutsche System so attraktiv?
Aydin: Zunächst einmal gibt es hier eine türkische Community. Das heißt, es liegen Migrationsbrücken und Institutionen vor, auf die man zurückgreifen kann. Sie erleichtern die Migrationsentscheidung und führen vielleicht sogar zu Beschäftigungsmöglichkeiten. Außerdem ist Deutschland im Vergleich zu England und den USA – den traditionellen Zielen türkischer Studierender – günstiger.

The European: Studiengebühren gibt es doch auch in Deutschland.
Aydin: Ja, allerdings nicht für Promotionsstudenten. Was noch hinzukommt: In den letzten zehn bis 15 Jahren ist in der Türkei eine Mittelschicht entstanden, die zwar an einem Hochschulstudium im Ausland interessiert ist, sich aber das Studium in England oder denUSA nicht unbedingt leisten kann, während die ganz Reichen weiterhin diese Länder bevorzugen. Viele aus der Mittelschicht haben Verwandte oder Freunde in Deutschland, das macht Deutschland attraktiv.

„Kindererziehung ist in Deutschland stressfreier“

The European: Sie haben für Ihre Studie nicht nur mit ausgewanderten Hochqualifizierten gesprochen, sondern auch mit „Dagebliebenen“ bzw. „Noch-nicht-Ausgewanderten“. Welche Gründe sprachen für einen Verbleib in der Bundesrepublik?
Aydin: Ich habe zwar hauptsächlich mit Menschen gesprochen, für die eine Abwanderung in die Türkei infrage kommt – aber bei denen, die gesagt haben: „Nein, das kommt nicht infrage“, überwogen familiäre und berufliche Gründe.

The European: Zum Beispiel?
Aydin: Viele junge Menschen erklärten: Ich habe hier einen festen Job, bin angestellt oder sogar verbeamtet. Ein anderer Faktor sind Kinder, beziehungsweise die Ausbildung der Kinder. Leute, die Kinder im Schulalter haben, wollen lieber in Deutschland bleiben, weil in der Türkei die Kosten höher wären. Erziehung ist wichtig und viele sind der Meinung, Kindererziehung sei in Deutschland einfacher.

The European: Inwiefern?
Aydin: Es gibt hier ein ausgeprägtes Kita-System. Natürlich kann man am Kita-System in Deutschland viel kritisieren – aber in der Türkei gibt es überhaupt nichts Vergleichbares. Klar, Kitas gibt es schon, aber eben nicht so wie in Deutschland. Freizeitangebote sind in Deutschland auch ziemlich gut ausgebaut. Man hat viele Möglichkeiten, kann Fußball in einem Verein oder ein Musikinstrument in einer Musikschule spielen – und das können sich viele leisten, man muss gar nicht zur oberen Mittelschicht gehören. In der Türkei hingegen ist so etwas kaum möglich, weil es kein ausgeprägtes Vereinssystem gibt. Vieles ist teurer und die Schulbildung flächendeckend nicht so gut wie in Deutschland. Viele bevorzugen es deswegen, ihre Kinder an teure Privatschulen zu schicken. Kindererziehung in Deutschland, so sehe ich es auch, ist einfacher, stressfreier.

The European: Kommen wir zu den Hochqualifizierten, die in die Türkei zurückgekehrt sind: Sie sprechen in Ihrer Studie von einer Wechselwirkung zwischen kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und identitären Motiven. Welche Motive überwiegen?
Aydin: Berufliche. Es gab aber natürlich auch Menschen, die aus kulturellen Gründen in die Türkei abgewandert sind, die wissen wollten, wohin sie gehören. Wie es sich anfühlt, in der Türkei zu leben, die sie sonst vielleicht nur aus dem Urlaub kennen. Allerdings: Viele der Menschen, denen Kultur und Identität so wichtig waren, sind wieder zurückgekehrt, weil sie auf dem türkischen Arbeitsmarkt keine Arbeit gefunden haben.

The European: Berufliche Gründe sind letztendlich also doch ausschlaggebend.
Aydin: Die Integration in den türkischen Arbeitsmarkt ist wichtig – eine Auswanderung nützt nichts, wenn man in der Türkei nicht die gewünschte berufliche Karriere machen kann, keine berufliche Weiterentwicklung stattfindet. Die Mehrheit der von mir Befragten hat sich aber erst für eine Abwanderung in die Türkei entschieden, nachdem sie dort einen Job hatten, der Berufswunsch sich erfüllt hat.

The European: Thilo Sarrazin hat die mangelnde Integrationsbereitschaft von in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken beklagt. Ist fehlender Wille zur Integration ein Grund, in die Türkei zurückzukehren?
Aydin: Nein. In Bezug auf die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland zeigen quantitative Studien, dass diejenigen mit höherer Qualifikation mobiler sind und eher in die Türkei abwandern. Die weniger Qualifizierten oder, wie Sarrazin es sagt, die „Nicht-Integrierten“, bleiben hier. In der Migrationsforschung gibt es die gegenteilige Annahme, dass die Abwanderung von Menschen ein Zeichen mangelnder Integration und die Einbürgerung ein Zeichen gelungener Integration sei.

The European: Ihre Studie kommt zu einem anderen Ergebnis?
Aydin: In der Tat haben sich viele Annahmen der Migrationsforschung in meiner Studie nicht bewahrheitet. Ein Großteil der Abgewanderten sind Menschen, die in Deutschland gut integriert waren, gute Qualifikationen und Bildungsabschlüsse sowie eine Arbeit hatten. Ich habe bewusst solche Menschen interviewt, die nicht aufgrund von Arbeitslosigkeit in die Türkei abgewandert sind.

„Je höher die Qualifikation, desto stärker die Diskriminierungserfahrung“

The European: Und welche Rolle spielt Diskriminierung?
Aydin: Es besteht kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Abwanderung. Für meine Interviewpartner war Diskriminierung und Benachteiligung durchaus ein Thema. Die meisten hatten solche Erfahrungen gemacht, aber dagegen andere Strategien entwickelt, als auszuwandern. Auswanderung mit Diskriminierung zu erklären, wäre zu vereinfachend. Denn dann bliebe die Frage offen, warum diejenigen, die in viel stärkerem Ausmaß Diskriminierungen ausgesetzt sind, hier bleiben.

The European: Welche Strategien entwickeln Hochqualifizierte denn, um Diskriminierungen im Alltag und im Berufsleben zu begegnen?
Aydin: Viele meiner Gesprächspartner haben mir erzählt, dass Diskriminierung für sie eher ein Ansporn sei, sich weiter zu qualifizieren, auf Menschen zuzugehen. In ernsten Fällen gibt es in Deutschland außerdem viele Wege, um gegen Diskriminierung anzugehen.

The European: Wie verändert sich Diskriminierung, wenn sie im Bereich der Hochqualifizierten passiert?
Aydin: Sie ist subtiler und ihre Wahrnehmung ist bewusster. Quantitative Studien belegen: je höher die Qualifikation, desto stärker auch die Diskriminierungserfahrung. Das heißt, Hochqualifizierte haben ein höheres Bewusstsein für Diskriminierung, nehmen sie eher wahr und gehen damit offen um. Die Diskriminierung an sich nimmt nicht zu, aber das Bewusstsein dafür.

The European: Welche Rolle spielen Medien bei der Diskriminierung?
Aydin: Tatsächlich fühlten sich viele der Interviewten durch die Medien diskriminiert. Viele sind, ohne dass ich sie darauf angesprochen habe, auf die Sarrazin-Debatte eingegangen. Sie fanden es nervig, wie Medien mit Migranten umgehen, vor allem mit den türkischen. Dass man sie sofort in eine Schublade steckt, sie von Vorneherein als Muslime wahrnimmt, auch wenn sie vielleicht gar nicht gläubig sind.

The European: Apropos Schubladendenken: Über junge Deutsch-Türken heißt es oft, sie würden „zwischen den Stühlen“ sitzen, also zwischen der deutschen und der türkischen Kultur.
Aydin: Ich halte nicht viel von dieser Metapher – genau wie meine Interviewpartner. Sie sind zwar türkeistämmig, haben aber auch einen deutschen Part, auf den sie nicht verzichten wollen. Viele haben mir gesagt: Wir sind in Deutschland als Menschen aus der Türkei groß geworden. In unserer primären Sozialisation spielte die türkische Kultur eine große Rolle – später dann aber auch die deutsche: in der Schule, der Berufswelt, der Öffentlichkeit. Der Großteil geht damit offensiv um, sagt: Wir gehören zu beiden Kulturen, sind von beiden geprägt. Sie haben entschieden abgelehnt, sich entweder für die eine oder die andere Kultur zu entscheiden.

The European: Man könnte sagen: Transnationalismus in Reinform.
Aydin: Ja, der Begriff ist somit nicht theoretisch deduziert, sondern etwas, worauf meine Interviewpartner großen Wert gelegt haben – ohne natürlich von „Transnationalismus“ zu sprechen. Aber sie haben hervorgehoben, dass beide Kulturen für sie wichtig sind. Viele Auswanderer konsumieren in der Türkei weiterhin deutsche Medien, lesen „Spiegel Online“ und schauen sich über Satellit deutsche Fernsehprogramme an. Sie legen außerdem großen Wert darauf, in der Familie – wenigstens zum Teil – Deutsch zu sprechen und dass ihre Kinder Deutsch lernen. Einige schicken ihre Kinder sogar zu deutschen Schulen. Insofern kann man nicht von gespaltenen Persönlichkeiten, von Personen „zwischen den Stühlen“ sprechen – sondern von Menschen, die diese kulturelle Differenz als Stärke, als Ressource wahrnehmen und sie pflegen.

“In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Ja, der Bashir, ja das Schulsystem, ja das bin ich – in meiner Erfahrung.

Bashir: “In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Als ehemalige Schüler haben viele Lehrer mit Migrationshintergrund selbst Diskriminierung erlebt. In der MiGAZIN-Reihe “Lehrer wie wir” kommen sie unzensiert zu Wort und sprechen über ihre Erfahrungen an deutschen Schulen.

Von: Jasamin Ulfat-Seddiqzai

 Bashir: “In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Lehrer1 mit Migrationshintergrund sind selten. Dabei können sie durch ihre Doppelperspektive eine wichtige Rolle einnehmen, um Diskriminierung an deutschen Schulen zu minimieren. Als ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund haben viele von ihnen selbst Diskriminierung erlebt. In dieser Reihe kommen sie unzensiert zu Wort, und sprechen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung an deutschen Schulen. Sie sprechen anonym, damit es im Gespräch keine Tabus gibt. Dabei fallen weder gute noch schlechte Beispiele für den Umgang mit Diversität unter den Tisch. Über allen Gesprächen steht nicht die Frage, wer Schuld am derzeitigen Zustand hat, sondern die Überlegung, wie man ein Problem lösen kann, das die gesamte Gesellschaft zurückhält.

Bashir2, Referendar an einem Gymnasium.
Bashir ist Referendar in NRW. Lehrer zu werden, war nicht sein erster Berufswunsch. Nach verschiedenen Karriereoptionen entschied er sich, an die Schule zu gehen. Eine Entscheidung, die er nicht bereut. „Ich war selbst immer ein schlechter Schüler, und habe nicht die besten Erinnerungen an viele meiner alten Lehrer. In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall und weiß aus Erfahrung, dass eine solche Einschätzung – selbst wenn sie sich über Jahre hält – sehr falsch sein kann.“

Das deutsche Bildungssystem ist zwiegespalten. Ohne Schulgebühren ist es frei zugänglich für jeden, also für Schüler jeder Herkunft offen. Tatsächlich zwingt es uns in seiner Dreigliedrigkeit, Kinder bereits in sehr jungen Jahren in zukünftige Elite und abgehängte Verlierer zu unterteilen.

Während das Gymnasium im Idealfall junge Menschen zu denkenden Bürgern macht, hat die Hauptschule vielerorts nur noch Verwahrungscharakter. Bashir hatte Glück, dass man ihn nicht auf die Hauptschule abschob. Es gab nur wenige Lehrer, die sich für ihn einsetzten. „Ich habe miterlebt, wie nur ein einziger engagierter Mensch einen Unterschied machen kann, und das hat mich motiviert, selbst einer dieser Menschen zu werden.” Als Lehrer mit Migrationshintergrund hat er festgestellt, dass viele Schüler mit Zuwanderungsgeschichte eine besondere Beziehung zu ihm aufbauen. „Sie sehen mich als Verbündeten gegen eine Reihe von Lehrern, von denen sie sich ungerecht behandelt fühlen. Natürlich bin ich kein Verbündeter, ich bin Lehrer. Aber ich mache den Migrationshintergrund nicht zum ausschlaggebenden Merkmal, wenn es um die Notengebung geht. Bei mir gibt es keine ‚pädagogische Noten’, die den Schüler dazu zwingen sollen, sich besser zu integrieren. Ich spreche lieber direkt mit den Jugendlichen, und scheue dabei auch nicht die Konfrontation. Manchmal muss man diesen Schülern auch den Kopf waschen, muss erziehen und ermahnen. Viele Lehrer fürchten jedoch den Konter, und sagen in vielen Situationen einfach gar nichts. Ignorieren heißt aber leider viel zu oft tolerieren.“

In seiner Studienzeit hat Bashir viele Praktika an verschiedenen Schulen absolviert. Ihm ist aufgefallen, dass Schüler mit Migrationshintergrund insbesondere an Schulen mit hohem Migrantenanteil größerer Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. „Wenn in einer Klasse beinahe 90 Prozent Kinder mit Zuwanderungsgeschichte sitzen, dann sind viele Lehrer eingeschüchtert. Diese Kinder werden dann als Block gesehen, und verhalten sich teilweise auch entsprechend. So etwas kann sich aufschaukeln. Vorurteile treffen auf Vorurteile.“ An einer seiner Praktikumsschulen haben sich viele türkeistämmige Schüler bei ihm beschwert, dass Lehrer von ihnen genervt seien, ihre mündliche Mitarbeit als Störung empfänden und Leistung nur dann anerkannten, wenn diese von Schülern ohne Migrationshintergrund käme. Bashir fand diese Einschätzung übertrieben, musste aber zum Teil einlenken. Tatsächlich verzogen viele Lehrer die Gesichter, sobald sich Schüler mit Zuwanderungsgeschichte zu Wort meldeten. Bashir ist sich sicher, dass den betreffenden Lehrern dieses Verhalten nicht bewusst war. „Sobald man gewohnt ist, mit einem Schüler mehr Ärger als Freude zu haben, kann es passieren, dass man ihn ignoriert. Und ich spreche hier absichtlich im Maskulinum – denn da geht es sehr oft um Jungs.“

Dabei ist er sich sicher: „Kaum ein Schüler ist lernunwillig oder desinteressiert, selbst die härtesten Störenfriede möchten eigentlich etwas lernen. Wenn sie aber immer wieder untergehen, lernen sie nur eins: dass sie selbst nicht wichtig sind. Und wer nicht ernst genommen wird, hört irgendwann auf an sich selbst zu glauben.” Natürlich hat er dabei auch Verständnis für die betreffenden Lehrer. „Der Lebenshintergrund von diesen Schülern und ihren Lehrern ist absolut gegensätzlich. Die Schüler können sich nicht in ihre Lehrer hineinversetzen, und die Lehrer haben keine Ahnung, was diese Schüler bewegt, oder wie ihr Alltag aussieht. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert.”

Ein weiteres Missverständnis birgt die fehlende Sprachkompetenz vieler Schüler. „Viele Lehrer sind nicht in der Lage, eine inhaltlich gute Aussage zu erkennen, wenn diese in sogenanntem ‚Kanackendeutsch’ artikuliert wird. Diese Kinder werden nie ermutigt, erhalten nie eine positive Rückmeldung weil man ihre mangelnde Sprachfertigkeit für Aufmüpfigkeit und Desinteresse hält.“ Was man hier fördern müsse, sei lediglich die deutsche Sprachkompetenz. Laut Bashir ein absolut lösbares Problem. Man bräuchte mehr Lehrer – nicht zwingend mit Migrationshintergrund aber solche, die sich mit dem Lebenshintergrund der benachteiligten Schüler identifizieren können. Kleinere Klassen könnten bewirken, dass die Lehrkraft auch individueller auf die Schüler eingehen könne. „So wie es derzeit aussieht, ist eine Überforderung der Lehrkraft vorprogrammiert. Und weil die Klassen viel zu groß sind, müssen die Schulen selbst Abhilfe schaffen, indem sie – unter Nutzung des dreigliedrigen Schulsystems – Kinder relativ schnell aussieben und auf Real- und Hauptschulen abschieben.” Gesehen habe er das an seiner jetzigen Schule. Leidtragend seien dabei wieder viele Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Wenn diese dann noch einen Migrationshintergrund hätten, ständen die Chancen auf Bildungserfolg enorm schlecht.

„Unsere Schule ist aufgrund der hohen Schülerzahl mehrzügig, auch wenn das mit der demografischen Wende nicht mehr selbstverständlich ist. Die Klassen sind, trotz der diversen Schülerschaft, in sich überraschenderweise sehr homogen. Da die Verteilung sich danach richtet, ob Schüler Musikinstrumente spielen, haben wir eine ziemlich exakte Aufteilung in Klassen mit und ohne Migrationshintergrund. Klavier, Geige und Klarinette lernt man nur, wenn die Eltern Musikstunden bezahlen. Diese sogenannten Profilklassen garantieren also eine ziemlich sichere Aufteilung nach bildungsbürgerlichem Hintergrund, und den haben viele Familien mit Migrationshintergrund nicht.“ Was ihn dabei ganz besonders störe sei, wie man die schiere Zahl der bildungsfernen Schüler erst einmal ausnutze, und sie nachher einfach abschiebe. „Nur mit hohen Anmeldezahlen kann eine Schule ihr Fortbestehen sichern, da kommen diese Kinder also ganz recht. Später stören sie natürlich, weil ein ideales Lernklima in großen Klassenverbänden sehr schwer herzustellen ist. In der fünften Klasse stimulieren sie durch ihre Präsenz also die Nachfrage. Ab der siebten Klasse sind sie zu viele, und werden absichtlich abgehängt.“ Zum Abitur hin würden nämlich in die schwierigen Klassen ohne Musikschwerpunkt stets die strengeren Lehrer geschickt, die härtere Noten geben und kein Problem haben, Schüler auch mal durchfallen zu lassen. So werden die Jahrgänge zum Abitur hin immer kleiner und sozial homogener.

Man kann es natürlich trotzdem schaffen, erklärt Bashir, aber für viele Kinder aus sozial benachteiligten Schichten sei der Weg nach oben mit viel mehr Hürden verbunden. Dass die Universität diese Problematik in der Lehrerausbildung mittlerweile mit einbeziehe, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Bildungsferne vererbt sich nicht biologisch, sie reproduziert sich aber leider aufgrund der von mir beschriebenen Mechanismen viel zu häufig. Das muss aber nicht so sein.” Die Zukunft sieht Bashir trotz aller Probleme optimistisch. „Ich freue mich, dass Lehramtsstudenten mittlerweile bereits im ersten, zweiten Semester an die Schulen geschickt werden. Dort lernen sie den Lehreralltag kennen und können viel besser einschätzen, ob ihnen die Tätigkeit tatsächlich liegt. Der Beruf ist nicht für jeden geeignet. Aber Lehrer, die ihren Beruf ernst nehmen, sind eine enorme Bereicherung für die gesamte Bevölkerung.”

  1. Ganz bewusst wird in diesem Artikel oft auch das generische Maskulinum benutzt, da es als grammatikalische Form per Definition alle Geschlechter umfasst. Das Einteilen in die dezidiert weibliche, und dezidiert männliche Form ist m.E. überholt, da diese Einteilung Transgenderidentitäten völlig ignoriert. []
  2. Name geändert []