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Blumen für mich.

Die Blume, eine Blume.
Der Strauß, der eine Blumenstrauß.
Plötzlich.

Das passierte:
Am Freitag, unerwartet, am Aufstellplatz, um kurz vor 8 Uhr. Meine Kinder in Reih‘ und Glied, zu zweit, fast alle. Einige hüpfen zwischen den Reihen umher. Die Ordnung scheint in Gefahr. Geduld.
Einer mogelt sich ruhig zwischen einigen Kindern nach vorne in die erste Reihe, zu mir.

Er, seit einem Monat mein Schüler, aus Syrien. Hält mir mit der Linken einen Bund Blumen ins Gesicht. Mit der Rechten tippt er mich an, obwohl mein Blick ihn bereits zwischen den anderen Kindern, fixierte.
Das sanfte Tippen auf meinem Arm verstummt. Der Finger, der gerade eben noch meine Aufmerksamkeit forderte, ist nun auf mich gerichtet. „Dich“ ertönt zwischen den fast zusammengekniffenen Lippen.
„Für mich?“, frage ich unbeholfen von der Überforderung fast überrollt.
„Warum, why?“, frage ich weiter. Das arabische Warum fiel mir partout nicht ein. 🙂
„Nothing.“ war die einfache Antwort des 9 Jährigen. Grundlos, einfach so, verstand ich, bekomme ich diese Anerkennung.

Es ist schön. Nicht die Blume an sich. Sondern das Unerwartete, das Einfache, die Aufmerksamkeit, die Dankbarkeit aber auch die Irritation.
Mein Herz schlug schneller, wurde vielleicht sogar rot im Gesicht. Vergaß die Ordnung und die Reihe vor mir, spürte die Blicke auf uns gerichtet.

Ein Lächeln. Ein irritierter Blick. Meine Umarmung.
Ich merkte jedoch, ich wurde in diesem Moment, seiner wundervollen Geste definitiv nicht gerecht.

Keine Worte, keine Geste der dieser Situation im Ansatz nur gerecht werden könnte. Danke dafür, für dieses Gefühl.

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“In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Ja, der Bashir, ja das Schulsystem, ja das bin ich – in meiner Erfahrung.

Bashir: “In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Als ehemalige Schüler haben viele Lehrer mit Migrationshintergrund selbst Diskriminierung erlebt. In der MiGAZIN-Reihe “Lehrer wie wir” kommen sie unzensiert zu Wort und sprechen über ihre Erfahrungen an deutschen Schulen.

Von: Jasamin Ulfat-Seddiqzai

 Bashir: “In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall”

Lehrer1 mit Migrationshintergrund sind selten. Dabei können sie durch ihre Doppelperspektive eine wichtige Rolle einnehmen, um Diskriminierung an deutschen Schulen zu minimieren. Als ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund haben viele von ihnen selbst Diskriminierung erlebt. In dieser Reihe kommen sie unzensiert zu Wort, und sprechen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung an deutschen Schulen. Sie sprechen anonym, damit es im Gespräch keine Tabus gibt. Dabei fallen weder gute noch schlechte Beispiele für den Umgang mit Diversität unter den Tisch. Über allen Gesprächen steht nicht die Frage, wer Schuld am derzeitigen Zustand hat, sondern die Überlegung, wie man ein Problem lösen kann, das die gesamte Gesellschaft zurückhält.

Bashir2, Referendar an einem Gymnasium.
Bashir ist Referendar in NRW. Lehrer zu werden, war nicht sein erster Berufswunsch. Nach verschiedenen Karriereoptionen entschied er sich, an die Schule zu gehen. Eine Entscheidung, die er nicht bereut. „Ich war selbst immer ein schlechter Schüler, und habe nicht die besten Erinnerungen an viele meiner alten Lehrer. In meiner Kindheit galt ich als hoffnungsloser Fall und weiß aus Erfahrung, dass eine solche Einschätzung – selbst wenn sie sich über Jahre hält – sehr falsch sein kann.“

Das deutsche Bildungssystem ist zwiegespalten. Ohne Schulgebühren ist es frei zugänglich für jeden, also für Schüler jeder Herkunft offen. Tatsächlich zwingt es uns in seiner Dreigliedrigkeit, Kinder bereits in sehr jungen Jahren in zukünftige Elite und abgehängte Verlierer zu unterteilen.

Während das Gymnasium im Idealfall junge Menschen zu denkenden Bürgern macht, hat die Hauptschule vielerorts nur noch Verwahrungscharakter. Bashir hatte Glück, dass man ihn nicht auf die Hauptschule abschob. Es gab nur wenige Lehrer, die sich für ihn einsetzten. „Ich habe miterlebt, wie nur ein einziger engagierter Mensch einen Unterschied machen kann, und das hat mich motiviert, selbst einer dieser Menschen zu werden.” Als Lehrer mit Migrationshintergrund hat er festgestellt, dass viele Schüler mit Zuwanderungsgeschichte eine besondere Beziehung zu ihm aufbauen. „Sie sehen mich als Verbündeten gegen eine Reihe von Lehrern, von denen sie sich ungerecht behandelt fühlen. Natürlich bin ich kein Verbündeter, ich bin Lehrer. Aber ich mache den Migrationshintergrund nicht zum ausschlaggebenden Merkmal, wenn es um die Notengebung geht. Bei mir gibt es keine ‚pädagogische Noten’, die den Schüler dazu zwingen sollen, sich besser zu integrieren. Ich spreche lieber direkt mit den Jugendlichen, und scheue dabei auch nicht die Konfrontation. Manchmal muss man diesen Schülern auch den Kopf waschen, muss erziehen und ermahnen. Viele Lehrer fürchten jedoch den Konter, und sagen in vielen Situationen einfach gar nichts. Ignorieren heißt aber leider viel zu oft tolerieren.“

In seiner Studienzeit hat Bashir viele Praktika an verschiedenen Schulen absolviert. Ihm ist aufgefallen, dass Schüler mit Migrationshintergrund insbesondere an Schulen mit hohem Migrantenanteil größerer Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. „Wenn in einer Klasse beinahe 90 Prozent Kinder mit Zuwanderungsgeschichte sitzen, dann sind viele Lehrer eingeschüchtert. Diese Kinder werden dann als Block gesehen, und verhalten sich teilweise auch entsprechend. So etwas kann sich aufschaukeln. Vorurteile treffen auf Vorurteile.“ An einer seiner Praktikumsschulen haben sich viele türkeistämmige Schüler bei ihm beschwert, dass Lehrer von ihnen genervt seien, ihre mündliche Mitarbeit als Störung empfänden und Leistung nur dann anerkannten, wenn diese von Schülern ohne Migrationshintergrund käme. Bashir fand diese Einschätzung übertrieben, musste aber zum Teil einlenken. Tatsächlich verzogen viele Lehrer die Gesichter, sobald sich Schüler mit Zuwanderungsgeschichte zu Wort meldeten. Bashir ist sich sicher, dass den betreffenden Lehrern dieses Verhalten nicht bewusst war. „Sobald man gewohnt ist, mit einem Schüler mehr Ärger als Freude zu haben, kann es passieren, dass man ihn ignoriert. Und ich spreche hier absichtlich im Maskulinum – denn da geht es sehr oft um Jungs.“

Dabei ist er sich sicher: „Kaum ein Schüler ist lernunwillig oder desinteressiert, selbst die härtesten Störenfriede möchten eigentlich etwas lernen. Wenn sie aber immer wieder untergehen, lernen sie nur eins: dass sie selbst nicht wichtig sind. Und wer nicht ernst genommen wird, hört irgendwann auf an sich selbst zu glauben.” Natürlich hat er dabei auch Verständnis für die betreffenden Lehrer. „Der Lebenshintergrund von diesen Schülern und ihren Lehrern ist absolut gegensätzlich. Die Schüler können sich nicht in ihre Lehrer hineinversetzen, und die Lehrer haben keine Ahnung, was diese Schüler bewegt, oder wie ihr Alltag aussieht. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert.”

Ein weiteres Missverständnis birgt die fehlende Sprachkompetenz vieler Schüler. „Viele Lehrer sind nicht in der Lage, eine inhaltlich gute Aussage zu erkennen, wenn diese in sogenanntem ‚Kanackendeutsch’ artikuliert wird. Diese Kinder werden nie ermutigt, erhalten nie eine positive Rückmeldung weil man ihre mangelnde Sprachfertigkeit für Aufmüpfigkeit und Desinteresse hält.“ Was man hier fördern müsse, sei lediglich die deutsche Sprachkompetenz. Laut Bashir ein absolut lösbares Problem. Man bräuchte mehr Lehrer – nicht zwingend mit Migrationshintergrund aber solche, die sich mit dem Lebenshintergrund der benachteiligten Schüler identifizieren können. Kleinere Klassen könnten bewirken, dass die Lehrkraft auch individueller auf die Schüler eingehen könne. „So wie es derzeit aussieht, ist eine Überforderung der Lehrkraft vorprogrammiert. Und weil die Klassen viel zu groß sind, müssen die Schulen selbst Abhilfe schaffen, indem sie – unter Nutzung des dreigliedrigen Schulsystems – Kinder relativ schnell aussieben und auf Real- und Hauptschulen abschieben.” Gesehen habe er das an seiner jetzigen Schule. Leidtragend seien dabei wieder viele Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Wenn diese dann noch einen Migrationshintergrund hätten, ständen die Chancen auf Bildungserfolg enorm schlecht.

„Unsere Schule ist aufgrund der hohen Schülerzahl mehrzügig, auch wenn das mit der demografischen Wende nicht mehr selbstverständlich ist. Die Klassen sind, trotz der diversen Schülerschaft, in sich überraschenderweise sehr homogen. Da die Verteilung sich danach richtet, ob Schüler Musikinstrumente spielen, haben wir eine ziemlich exakte Aufteilung in Klassen mit und ohne Migrationshintergrund. Klavier, Geige und Klarinette lernt man nur, wenn die Eltern Musikstunden bezahlen. Diese sogenannten Profilklassen garantieren also eine ziemlich sichere Aufteilung nach bildungsbürgerlichem Hintergrund, und den haben viele Familien mit Migrationshintergrund nicht.“ Was ihn dabei ganz besonders störe sei, wie man die schiere Zahl der bildungsfernen Schüler erst einmal ausnutze, und sie nachher einfach abschiebe. „Nur mit hohen Anmeldezahlen kann eine Schule ihr Fortbestehen sichern, da kommen diese Kinder also ganz recht. Später stören sie natürlich, weil ein ideales Lernklima in großen Klassenverbänden sehr schwer herzustellen ist. In der fünften Klasse stimulieren sie durch ihre Präsenz also die Nachfrage. Ab der siebten Klasse sind sie zu viele, und werden absichtlich abgehängt.“ Zum Abitur hin würden nämlich in die schwierigen Klassen ohne Musikschwerpunkt stets die strengeren Lehrer geschickt, die härtere Noten geben und kein Problem haben, Schüler auch mal durchfallen zu lassen. So werden die Jahrgänge zum Abitur hin immer kleiner und sozial homogener.

Man kann es natürlich trotzdem schaffen, erklärt Bashir, aber für viele Kinder aus sozial benachteiligten Schichten sei der Weg nach oben mit viel mehr Hürden verbunden. Dass die Universität diese Problematik in der Lehrerausbildung mittlerweile mit einbeziehe, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Bildungsferne vererbt sich nicht biologisch, sie reproduziert sich aber leider aufgrund der von mir beschriebenen Mechanismen viel zu häufig. Das muss aber nicht so sein.” Die Zukunft sieht Bashir trotz aller Probleme optimistisch. „Ich freue mich, dass Lehramtsstudenten mittlerweile bereits im ersten, zweiten Semester an die Schulen geschickt werden. Dort lernen sie den Lehreralltag kennen und können viel besser einschätzen, ob ihnen die Tätigkeit tatsächlich liegt. Der Beruf ist nicht für jeden geeignet. Aber Lehrer, die ihren Beruf ernst nehmen, sind eine enorme Bereicherung für die gesamte Bevölkerung.”

  1. Ganz bewusst wird in diesem Artikel oft auch das generische Maskulinum benutzt, da es als grammatikalische Form per Definition alle Geschlechter umfasst. Das Einteilen in die dezidiert weibliche, und dezidiert männliche Form ist m.E. überholt, da diese Einteilung Transgenderidentitäten völlig ignoriert. []
  2. Name geändert []

Auf dem Weg zum Informatikraum fragt mich ein Schüler der siebten Klasse, mit dem ich im nächsten Augenblick 90 Minuten Informatik haben werde:

Schüler: Herr Sönger, können wir heute machen was wir wollen?“

Ich: „Bitte was?“

Schüler: „Können wir heute machen was wir wollen? Ich habe aus Versehen eine DVD mitgenommen.“

Noch nach 2 Stunden musste ich darüber lachen!